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Best Practice

Best Practice - Gelungene Praxisbeispiele

Hier finden Sie eine Liste gelungener Beispiele aus der Arbeitspraxis mit geflüchteten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Wir werden diese stetig um Methoden und Ideen ergänzen und gern auch mit Ihren Erfahrungen anreichern.

Sie haben Fragen zu Methoden, Hintergründen oder zielgruppenspezifischen Angeboten?

Schreiben Sie uns gern!
info(at)soziale-innovationen.de

Blumenstunde

An einem schönen ersten Frühlingstag haben wir den Frauen in der Frauenflüchtlingsgruppe einen Blumenstrauß, mit vielen unterschiedlichen Blumen: Rosen, Astern, Narzissen, Tulpen und Gerbera in unterschiedlichen Farben, mitgebracht. Jede Frau hat sich eine Blume, die sie anspricht, die etwas mit ihr zu tun hat ausgesucht. In einer anschließenden Gestaltungsphase haben die Frauen ihre Blume gemalt. Die gemalten Blumen haben viel über sie selbst, über ihre Heimat und ihre Tradition erzählt.

Sigrid Nikel-Bronner

Der Kontakt mit den Blumen bringt die Frauen heute schnell in das Hier und Jetzt und auch in die Freude. Sie wirken „wacher“ als sonst, präsenter, lebendiger, aber auch entspannter, freier und mutiger in ihren Äußerungen. 

Sie malen die Blumen: einzeln, im Garten oder in der Vase. „Ich liebe die Rosen, sie sind ein Symbol der Liebe. Bei uns wachsen auch viele Rosen…“, sagt eine Frau aus Syrien. „Ich liebe alle Blumen. Und die Blumen lieben dich immer. Egal, ob du böse oder gut bist, faul oder fleißig. Die Blume ist wie eine Mutter. Sie liebt dich immer“, sagt wiederum eine andere junge Frau aus Eritrea.

Zum Schluss tanzen wir noch mit den Blumen. Und die Frauen nehmen ihre Blumen mit nach Hause und machen noch den Vorschlag die Blumen, die noch übrig sind, der kranken Frau, die sonst auch immer in der Gruppe ist, mitzubringen. Und so machen sie es und strahlen dabei. 

Željka Telišman 

Comics

In einer Flüchtlingsklasse in einer Schule hat die Lehrerin `Tim und Struppi`-Comics fotokopiert und die Texte dabei heraus genommen. Die Schüler sollen die leeren Sprechblasen mit eigenen Geschichten füllen. Sie schreiben in ihrer eigenen Sprache und lesen die Geschichten anschließend vor, was zu großem Gelächter, Berührtheit und Anteilnahme der Jugendlichen untereinander führt. Die Lehrerin versteht zwar die Sprache nicht, aber in ihrer Resonanz ist sie nah bei den Jugendlichen, bekommt viel von den unterschiedlichen Gefühlen mit und nimmt deutlich wahr, wie die Stimmung und Atmosphäre der Klasse sich verändert, dichter wird und wie sich Solidarität unter den Jugendlichen ausbreitet.

Später verfassen die Schüler aus den Comic-Texten Geschichten, die dann auch ins Deutsche übersetzt werden sollen.

Viola Werner

DialogBilder

In der dritten Stunde einer Frauenflüchtlingsgruppe gestalteten die Teilnehmerinnen jeweils zu zweit ein gemeinsames Bild. Manche kannten sich bereits ein wenig, was sich auch während des Gestaltungsprozesses schnell zeigte. Sie wussten dann einfach sehr schnell wo „die Reise“ hingehen sollte, was sie gemeinsam machen wollten. Andere wiederum kannten sich nicht so gut, waren aber neugierig und gingen mit einer großen Offenheit und fast kindlichen Freude in den Prozess hinein. 

Besonders interessant war es für die Frauen, die sich noch gar nicht kannten, und auch über keine gemeinsame Sprache verfügen. So taten sich z.B. eine Frau aus Eritrea und eine Roma-Frau aus Montenegro zusammen: Die Roma-Frau wirkte sehr verunsichert. Ich setzte mich neben sie und fragte sie, ob sie etwas braucht. „Ich kann das nicht. Ich kann nicht so schön malen wie die Anderen. Ich bin nie in die Schule gegangen wie sie“, sagt sie leise. In der Resonanz fühle ich Scham, Traurigkeit, das Bedürfnis und den Wunsch nach Ermutigung und Unterstützung, aber auch gleichzeitig die Neugierde und Sehnsucht danach „so zu sein wie die Anderen“. Ich sage ihr, dass ich das sehr gut verstehen kann und ermutige sie dazu es zu versuchen, einfach zu schauen, ob sie doch etwas tun könne. Ich bleibe bei ihr und sie entspannt sich langsam. Kurze Zeit später entsteht zwischen den zwei Frauen dann doch ein gemeinsames  „schönes“ Bild: eine Blume, die aus der Erde wächst, mit großen, gelben Blättern. Die Frau aus Eritrea zeichnet die Konturen, während die Roma-Frau den leeren Raum mit Farben ausmalt. Beide kichern, haben sichtlich Spaß dabei, sind aber gleichzeitig sehr konzentriert und aufmerksam. Sie reden miteinander, ohne dabei Worte zu verwenden. Zum Schluss malt die Roma-Frau dann noch einen zarten, roten Schmetterling, der um die Blume fliegt. Sie lacht und wirkt stolz auf sich und das Bild. 

Es ist eine sehr schöne Stunde für alle gewesen, insbesondere für die Roma-Frau, die viel Solidarität und Unterstützung von uns und von ihrer Partnerin erfuhr. Sie erlebte, dass sie, trotzt „nicht schön malen zu können“ und dem Gefühl „anders, ungebildet zu sein“, Teil der Gruppe zu sein und es auch sein zu dürfen. 

Željka Telišman  

Die dritte Hand - mehr Greifen

Die Leibbegwegung `Greifen` wollen wir noch einmal aufnehmen.

Auf fester Pappe umzeichnen die Kinder ihre Hand und Armkonturen, schneiden sie aus und gestalten sie auf beiden Seiten mit Farben und Formen.

Die meisten Hände sind in leuchtenden Farben bemalt, knallrot, blau und gelb geringelt, mit orangenen Flammen versehen.

Dabei entwickeln sich Gespräche und Spiele, was wir mit einer dritten Hand tun könnten, - kitzeln, streicheln, mehr tragen…oder `Ohrfeigen verteilen, wenn es zu schlimm wird…` sagt ein Junge.

Viola Werner

Gemeinsames Gartenbild

Anfangs noch unsicher und ein bisschen schüchtern stehen die Teilnehmerinnen einer Frauenflüchtlingsgruppe um ein großformatiges leeres Blatt Papier. Um ihnen die Unsicherheit zu nehmen schlagen wir vor, sie könnten erst einmal die kleinen, „eigenen Gärten“ machen – klare Linien ziehen, um ihren Raum „abzugrenzen“ und damit die Fläche automatisch zu „verkleinern“. Sie nehmen dieses Angebot mit Erleichterung an und beginnen gleich. Sehr schnell sind sie mit Spaß und vollem Einsatz, aber auch mit Neugierde gegenüber dem, was die anderen Frauen machen bzw. „was so in der Nachbarschaft passiert“, dabei. Während manche alleine ihren Garten malen, laden andere Frauen schnell wiederum andere ein, ihren Garten mit zu gestalten. Die eigenen Grenzen zu „schützen“ ist dabei nicht bedeutsam. Im Gegenteil, keine der Frauen ist irritiert oder verärgert, wenn die andere ihren Raum betritt, „Grenzen überschreitet“. Klare, abgrenzende Linien, die anfangs gezogen wurden, werden von den meisten bewusst weggewischt. „Es ist ein großer gemeinsamer Garten. Schön!“, sagt die Frau aus Tunesien. Alle sind sichtlich bewegt und auch berührt. „Ich hätte nicht erwartet, dass es so gut sein wird. Schau mal, wir haben sogar einen Fluss, der fließt durch das ganze Bild und versorgt uns alle mit dem Wasser“, sagt die andere Frau aus Eritrea.  

Ein Tag später hängt das Bild in dem Aufenthaltsraum des Flüchtlingsheimes, in dem sie alle wohnen, so dass andere Bewohner und auch Besucher es sehen können. Stolz erklären sie dann wer was gemalt und gezeichnet hat. 

Željka Telišman 

Gemeinschaftsbild

Die erste Stunde mit einer Gruppe geflüchteter Kinder im Grundschulalter.

Die Kinder kommen mit neugierigen Gesichtern und fragenden Augen in den Raum. Es ist ihnen anzusehen, dass sie am liebsten sofort auf die Taschen und Kisten mit Material zustürmen möchten, um all das in die Hand zu nehmen und auszupacken.

Wir rollen ein großes Körperbild-Papier aus und befestigen es auf dem Boden, sofort sitzen die Kinder drumherum. Ich fange an, mit einer Pastellkreide eine geschnörkelte Linie zu malen und mehr Anleitung braucht es nicht, die Kinder steigen sofort ein und innerhalb von 15 Minuten ist das Bild voll und bunt. Ich hole noch flüssige Farben dazu und die Kinder matschen, kleckern und bemalen die letzten weißen Stellen des Papiers. Entstanden sind Formen, Blumen, Herzen und viele Details, die Geschichten erzählen… Ein kleiner Junge mit einem grünen Auto, Häuser mit Blumen im Fenster und Gärten, ein Mädchen vor einem großen Zaun, Handabdrücke, Flugzeuge und und und.

Viola Werner

Kleine große Schätze

Seit einiger Zeit biete ich „ Bunte Stunden“ in einer Asylunterkunft an, wo ca 200 Menschen leben. Die Beteiligung daran ist sehr unterschiedlich; ich muss flexibel auf die unterschiedlichen Leute (Kinder, Jugendliche, Erwachsene) eingehen. Da das Ganze in der großen Halle, in der auch die Mahlzeiten stattfinden, ist es ein ständiges Kommen und Gehen und durch die vielen Kinder, die natürlich immer zuerst bei mir ankommen und sofort mit dem Malen beginnen wollen, sehr turbulent. Dadurch, dass gemalt wird und unterschiedliche Materialien und Techniken von mir angeboten werden, kommen wir miteinander ganz leicht über die Bilder in Kontakt – auch Sprachbarrieren werden so leichter überwunden; indem wir die Farben und Dinge auf den Bildern benennen. (Leider vergesse ICH meistens bald wieder die Worte, die mir beigebracht werden - für die Farben zum Beispiel.)

Fast alle Künstler, die großen und die kleinen, wollen gern ihre Werke danach mit Malerkrepp an der Wand aufhängen.

Ein Ereignis hat mich vorgestern in der Unterkunft ganz besonders berührt: Ein kleiner Junge (ich schätze ihn auf ca 4 Jahre) nahm bisher  (vier, fünf Mal war ich dort gewesen) kaum teil, lief herum, kritzelte ein bisschen, blieb aber nie länger dabei.  Aber, was mich besonders erschütterte, er holte sich jedes Mal das Kreppband und verklebte sich den Mund damit- einmal sogar die Augen. Ich habe jedesmal versucht, ihn davon abzubringen, aber da lief er immer weg. Die Eltern haben sich auch nicht weiter darum gekümmert, sie waren auch gar nicht beim Malen an den Tischen präsent, soweit ich weiß. Vorgestern setzte ich mich dann neben diesen Jungen und zeigte ihm nochmal genau, welche „Schätze“ ich in meiner Kiste dabei hatte. Dabei entdeckte er dann das Regenbogenbuntpapier und eine Kinderschere. Unglaublich: Er hat dann eine halbe Stunde lang kleine Schnipsel ausgeschnitten und war total konzentriert dabei. Ich gab ihm einen Pappteller, auf dem er die Schnipsel aufbewahren konnte. Als er fertig war, klebte er die Schnipsel alle auf ein Blatt Papier und das wollte er dann natürlich ganz stolz, möglichst hoch oben auf die Wand hängen. Ich habe mich so sehr mit ihm gefreut (und ihm dies natürlich auch gezeigt) und ihn beim Aufhängen unterstützt (er wollte es allein machen und ist auf einen Stuhl gestiegen, so habe ich mich vorsichtshalber hinter ihn gestellt).  Und dieses Mal hat er sich nicht den Mund verklebt, sondern war sichtlich stolz und zufrieden und hat mich angestrahlt.

Karin Ritter

Landkarten

Wir arbeiten mit einer Gruppe unbegleiteter jugendlicher Jungs, die zum Teil jahrelang alleine und ohne Familie unterwegs waren von Syrien oder Afghanistan bis nach Deutschland.

Die Jugendlichen sind zunächst sehr verhalten, verstummt und depressiv. 

Nach ihrer "Reise" gefragt, kommen wenige oder keine Antworten.

Die beiden Therapeutinnen kopieren Landkarten und legen sie aus. Die Jugendlichen betrachten sie, verfolgen ihre Wege, zeichnen sie ein und kommen so ins Reden und Austauschen, erinnern Geschichten, anhand der Orte und Länder, die sie auf der Karte sehen. Ihre Erinnerung und das Leibgedächtnis werden aktiviert und sie finden Worte und gestalterischen Ausdruck für das, was ihnen während der Flucht widerfahren ist, was sie erlebt haben.

Christiane Rausch

Masken

Aus Papptellern bauen wir Masken. 

Bemalt, als unterschiedliche Gesichter wie  Katzen, schöne Frauen und gefährliche Männer werden sie, versehen mit Bändern, Wolle und viel Glitzer zu Masken, die sich die Kinder aufsetzen und damit in unterschiedlicher Manier durch den Raum bewegen.

Auch hier wird deutlich, dass es kaum einer Anleitung bedarf, schon gar keiner verbalen.

Wir bieten das Material, öffnen einen Raum, machen selber mit, geben nonverbal Erlaubnis und es geht los. Die Kinder sprudeln über von dem, was ausgedrückt werden möchte, finden äußerst kreative Lösungen, was handwerkliche Probleme angeht. Kaum einmal die Frage an uns `wie geht das…?`, `was muss ich machen…?` Sie machen einfach, packen an, helfen sich gegenseitig, oft ohne Worte und uns werden die unglaublichen Ressourcen sichtbar, die diese Kinder in ihrem Leben schon gesammelt haben. 

Viola Werner

Matschen und Greifen

Mit Kindern im Grundschulalter haben sich die primären Leibbewegungen, vor allem das Greifen in verschiedener Methodik als äußerst positiv herausgestellt. Sobald sich die Möglichkeit ergibt, arbeiten die Kinder direkt mit der Farbe auf ihren Händen, und nicht nur dort…

Damit Abdrücke zu machen und diese weiter zu gestalten, findet großen Anklang und auch wenn wir etwas anderes anleiten, landen wir immer wieder da. Oft ist es wichtig, erstmal in der Hand Farben zu mischen, sie auf Pappe und Papier zu schmieren, damit zu matschen. Wir können sehen, wie die Kinder das genießen, das körperliche Gefühl auskosten, dann zum Wasserhahn rennen, auch das Abwaschen genießen, um sofort wieder mit den nächsten Farben weiter zu machen.

Auch die Hand- und Fußabdrücke werden dann besonders beachtet und betrachtet. Wenn die Kinder sie ansehen und vergleichen, habe ich den Eindruck, dass sie denken: Das bin ich!

Wir haben Körperteilabdrücke auf Papier, auf kleine Notizbücher und Pappen gemacht. zum Ausklang der Stunde pusten wir Luftballons auf und die Kinder drücken ihren Handabdruck darauf.

Mit diesen Schätzen, stürmen die Kinder aus der Gruppe, ein 4-jähriger kurdischer Junge schleppt schwer an mindestens 4 Luftballons, von denen er keinen einzigen abgeben möchte.

Viola Werner

Namensbilder

In den ersten Stunden einer Frauengruppe machten wir den Frauen das Angebot Namensbilder zu gestalten oder zu malen. Die Frauen konnten hierzu ihren Vornamen, Familiennamen, Kosenamen nehmen oder sich ein Symbol oder nur eine Farbe aussuchen, die am besten zu ihnen passt, etwas über sie aussagt. 

Bald entstanden so kleine Bilder mit Namen, umgeben von Landschaften, Blumen, Wüste, Tieren, die sie am liebsten mögen. Sie erzählten anschließend etwas über sich, ihre Heimatländer, aber auch über ihr aktuelles Leben. „Ich vermisse die Mongolei, die Weite und das Gefühl von Freiheit und Sicherheit. Hier ist alles sehr eng, ich habe ständig Angst, weiß nicht was morgen sein wird. Auch der Himmel sieht hier anders aus. Es ist meistens bedeckt und grau“, erzählt eine junge Mutter aus der Mongolei. Diese Eindrücke sind klar auf ihrem Namensbild zu erkennen: hellblauer Himmel, das mongolische Ornament… Auf einem anderen Bild sehen wir einen zarten, aber sehr bunten Vogel. „Ich liebe Tiere, besonders die Vögel. So einen kleinen hatte ich früher, zuhause auch. Er ist jeden Tag in meinen Garten gekommen, er saß auf dem Baum und sang. Er war frei, nicht im Käfig“, sagt eine Frau aus dem Irak, sichtlich berührt über ihr Bild und die Erinnerungen, die hochkamen. „Ich kann nicht malen, aber ich liebe die rote Farbe. Das Rot ist das Leben, die Erde…“ sagt eine Frau aus Kongo, auf deren Bild ihr Name in einem leuchtenden Rot geschrieben steht.  

Željka Telišman  

Schmuck

 

Stärkungstiere

In einer Gruppe 4-10-jähriger Kinder: Wir `sprechen`mit Händen, Füssen und Stimmen über Tiere.

"Welche Tiere kennt Ihr, hattet Ihr ein Haustier, wünscht Ihr Euch eines, welches…?"

Es wird viel gelacht beim Nachahmen von Kamelen, Eseln und Hunden, es werden Witze gemacht, die wir als Leitung nicht verstehen, weil wir nicht vertraut sind mit Kamelen…

Wir fragen auch nach starken Tieren, nach Krafttieren… und die Kinder malen, gestalten und zeichnen Wunschtiere.  Es entstehen geflügelte Löwen ("der kann einfach wegfliegen, wenn es zu gefährlìch wird…"), riesige Hunde ("der beißt alle tot und beschützt meine Schwester und mich…") und viele andere, bunte Fantasietiere.

Viola Werner

Streit

Während einer Stunde kommt es zu einem Streit zwischen 2 Jungen, die beide denselben Pinsel benutzen möchten. Es passiert innerhalb von einer Sekunde und die Atmosphäre ist nicht streitbar, sondern extrem dramatisch, gefühlt geht es um `Leben und Tod´. Der eine Junge, er ist 3 Jahre jünger und kleiner, tritt, schlägt und schreit auf den anderen Jungen ein. Ich sprinte dazwischen, um die beiden zu trennen; zum Glück sind wir zu zweit, sodass sich meine Kollegin um den angegriffenen Jungen kümmern und ihn, der in seinem Stolz und seiner Würde verletzt ist, trösten kann. Ich hocke vor dem kleineren Jungen und bekomme ein paar Hiebe ab, die er weiter austeilt. Der Junge spricht kein deutsch und ich habe das Gefühl, nur eins tun zu können: ihn schützen. Ich setze ihn auf einen Tisch und stelle mich davor und lege meine Arme um ihn, sodass er ein bisschen abgeschirmt ist. Er lässt das geschehen und zieht seine Jacke über den Kopf, um sich noch weiter abzuschirmen. Meine Resonanz sagt mir, dass ich über seinen Rücken streichen soll und ich rede beruhigend und sanft auf ihn ein. 

Er versteht mich nicht UND er versteht genau. 

Wir bleiben länger als 15 Minuten in dieser Haltung und ich spüre wie der Körper des Jungen, der extrem angespannt war, sich mehr und mehr entspannt. Langsam wird auch ein Augenkontakt möglich und ich habe den Eindruck, dass er mich fragend ansieht, als wolle er sich vergewissern, dass ich nicht sauer bin, dass ihm keine weitere Sanktion droht. Parallel dazu schiebt er die Kapuze seiner Jacke Zentimeter für Zentimeter zurück und lugt zu der Gruppe, zu meiner Kollegin, als wolle er überprüfen, dass auch wirklich alles in Ordnung ist und ihm keine Feindseligkeit entgegen schlägt. Schließlich siegt auch seine Neugier und die Lust weiter zu malen. Er kehrt zurück zur Gruppe und malt friedlich weiter. Die anderen Kinder und auch der zuvor angegriffene Junge verhalten sich ruhig und nicht nachtragend. Meiner Kollegin und mir kommt es so vor, als wären diese Kinder längst vertraut und gewohnt, mit solchen Ausbrüchen umzugehen.

Die primären Leibbewegungen sind das Mittel der Wahl.

Viola Werner

Tagebücher

Aus Pappen, Band, Papier und unterschiedlichem Malmaterial haben wir in einer Frauengruppe Tagebücher gestaltet. Während des Treffens sind die Deckblätter der Bücher mit sehr farbenfrohen Ornamenten oder von uns mitgebrachten Bildern gestaltet worden. 

Jede Frau hat ihr Tagebuch mitgenommen und konnte in den nächsten Tagen und Wochen darin weiter schreiben oder gestalten.

Sigrid Nikel- Bronner

Tanzen

Bei jedem Treffen haben wir zu unterschiedlicher Musik getanzt. Neben Chart Hits haben wir auch nach Musik bzw. Tanzstücken aus dem arabischen und afrikanischen Raum getanzt. Nach einigen Treffen haben Frauen Musik aus ihrem Heimatland – Eritrea – mitgebracht. Gemeinsam haben wir dann zu der Musik getanzt und dabei viel Spaß gehabt und gleichzeitig etwas über Rituale und Körpersprache erlebt. 

Sigrid Nikel-Bronner 

Unsere Füße

In einer Mädchenkindergruppe haben wir uns neben unseren Händen auch eingehend mit unseren Füßen beschäftigt. Nicht nur unsere Hände haben den ganzen Tag zu tun, auch unsere Füße. Sie stehen, sitzen, laufen, rennen, gehen, schleichen, springen, hüpfen, tanzen. Laufen geradeaus,  nach rechts und links und sogar rückwärts.

Die Kinder haben von ihren Wegen erzählt und sind Wege gegangen, die auch die anderen Kinder im Spiel einmal nachgehen konnten.

Dazu haben wir dann aus Pappe Streifen geschnitten, die Stücke bemalt und mit einem Locher jeweils 2 Löcher hinein gestanzt. Anschließend haben die Kinder ihre Streifen mit Briefklammern aneinander gereiht. Daraus entstanden dann Wege und unterschiedliche Fantasiegebilde. Die Kinder kamen auf die Idee in Gruppen ihre Stücke aneinander zu heften und zu einem Gebilde zu legen, das dann mit diversen Spielfiguren zu einem gemeinsamen Spiel führte. Die Atmosphäre war friedlich entspannt, dabei heiter und hätte noch viel mehr Zeit gebraucht, als wir an dem Nachmittag zur Verfügung hatten.

 

Welche Spuren hinterlassen wir mit unseren Füßen?

Dazu haben wir ein sehr großes Stück Papier ausgebreitet. Auf Tellern haben wir Naturpigmente in verschiedenen Erdtönen verteilt. Dann Schuhe aus, die eigenen Socken aus und rein in die Farbsöckchen. Jedes Kind konnte sich eine Farbe aussuchen und mit den Söckchenfüßen in ein Pigment gehen und anschließend über das Papier laufen, hüpfen, tanzen..

Anschließend haben wir uns die Spuren, die jede hinterlassen hat betrachtet.

Das Fußspurenkunstwerk hat den Kindern viel Spaß gemacht und gezeigt, das jede von uns Spuren hinterlässt, auch wenn sie manchmal nicht so auffällig sind wie auf unserem Bild.

 

 

Zeit und Raum

Ich biete seit Anfang März einen Malort für Flüchtlingskinder im Stadtteiltreff eines Ortsteils mit vielen dezentral untergebracht Flüchtlingsfamilien an.

Nadea, ein schüchternes 10-jähriges Mädchen aus Syrien ist das erste Mal da. Die anderen Mädchen, die sie mitgebracht haben, sagen und gestikulieren: "Sie ist Krank im Kopf und kann nix". (Entwicklingsstand entspricht etwa einer 4-jährigen). Ich antworte, dass das in Ordnung ist, wie es ist und sie kann ja gucken was IHR Spaß macht. Die anderen staunen.

Nadea sucht sich einen Platz und beobachtet, was die anderen Mädchen machen und imitiert, was sie sieht.

Immer wieder setze ich mich etwas zu ihr und ermutige sie mit  Blicken, Gesten und Worten. Ich zeige ihr, dass ich sie sehe und wertschätze ihre Werke und ihre Fähigkeiten. Sie malt, "schreibt", schneidet und klebt und strahlt!

Am anderen Ende des Raumes starten Dhairy (Indien), Abet (Irak) und Mohammed (Syrien) ein Gemeinschaftprojekt.  Die siebenjährigen Jungen helfen sich, die etwas hart geworden Farben auf einen Pappeteller zu drücken. Dabei brauchen sie erst noch meine Unterstützung. Dann macht es ihnen so viel Spaß, dass sie auch ein gemeinsames Blatt gestalten wollen. Sie mischen und Matschen mit den Farben auf dem Papier und der Pallette und haben sichtbar Freude.

Das Gemeinschaftsprojekt hat Nadea inspirtiert. Sie hat sich flüssige Farben, große Blätter und einen dicken Pinsel geholt.

Nun läßt  sie mit versonnenem Blick den Pinsel über das Papier gleiten. Sie ist ganz bei sich. Zwei der Jungen haben angefangen leise vor sich hin zu summen.

Ich stehe am Rand und blicke abwechselnd zu Nadea und den Jungs und bin einfach gerührt.

Käthe Büschen